Sonntag, 11. Oktober 2026

Tiefpassfilter aus Mikrostreifenleitungen

Die Leitungstheorie befasst sich mit Erscheinungen auf elektrischen Leitungen, deren Länge in der Größenordnung der Wellenlänge des übertragenen Signals liegt. Für hohe Frequenzen können solche Leitungen als verlustlos angenommen werden. Die Eingangsimpedanz \( Z_1 \) einer solchen Zweidrahtleitung der Länge \( l \), mit dem reelwertigen Wellenwiderstand \( Z_L \) und einer Lastimpedanz \( Z_2 \) ist gegeben durch:

\[Z_1 = Z_L \cdot \frac{Z_2 + j Z_L\tan(\beta l)}{Z_L + j Z_2 \tan(\beta l)}\]

Dabei bezeichnet \(\beta = 2 \pi / \lambda\) die Wellenzahl. 

Bei kurzgeschlossener Last gilt:

\[Z_1 = j\, Z_L \tan(\beta l)\]

und bei offener Leitung entsprechend:

\[Z_1 = -j\, Z_L / \tan(\beta l)\]

Im Bild unten sind exemplarisch die Blindwiderstände, also der Imaginärteil der Eingangsimpedanz \(Z_1\), für eine leerlaufende und einer kurzgeschlossene Leitung mit \(Z_L = 50 \Omega\) gezeigt. 


Eine leeraufende Leitung verhält sich für Leitungslängen \( 0 < l < \lambda / 4 \) aufgrund des negativen Blindwiderstandes kapazitiv, und für \( \lambda / 4 < l < \lambda / 2 \) induktiv. Das erklärt z.B. warum der Eingangswiderstand einer als leerlaufende Leitung interpretierbaren Antenne mit \(l < \lambda/4 \) im Fußpunkt durch eine Spule kompensiert werden kann. Eine kurzgeschlossene Leitung hingegen zeigt gegenteiliges Verhalten. 
Bei fester Leitungslänge \(l\) verhält sich \(Z_1\) für sehr kleine Wellenwiderstände \(Z_L\) auch eher kapazitiv. Es gilt: 

\[Im(Z_1) = Z_L\frac{Z_L^2 \tan(\beta l) - Z_2^2 \tan(\beta l)}{Z_L^2 + Z_2^2} \approx - Z_L \tan(\beta l)\]

Im Grenzfall sehr großer Wellenwiderstände \(Z_L\) gilt:

\[ Im(Z_1) = Z_L\frac{Z_L^2 \tan(\beta l) - Z_2^2 \tan(\beta l)}{Z_L^2 + Z_2^2} = Z_L \tan(\beta l) \frac{1-(\frac{Z_2}{Z_L})^2}{1+(\frac{Z_2}{Z_L})^2} \approx Z_L \tan(\beta l)\]

Große Wellenwiderstände veralten sich also induktiv und kleine Wellenwiderstände kapazitiv. Dies ist für das nun Folgende von Bedeutung, denn wir wollen nun Streifenleitungen


mit unterschiedlicher Geometrien so kombinieren, dass daraus ein Tiefpassfilter entsteht.

Diskrete Tiefpassfilter bestehen aus parallel liegenden Kondensatoren und in Reihe angeordneten Spulen.

Beim Entwurf eines Tiefpassfilters bestimmter Dämpfung, hier mit Tschebyscheff Charakteristik,


nutzt man häufig Tabellen mit normierten Filterkoeffizienten \(L'\) bzw. \(C'\). Die normierten Filterkoeffizienten für Tschebyscheff-Filter der Ordnung n lauten mit \(0,5 dB\) Restwelligkeit lauten z.B.:

nC₁′(L₁)L₂′(C₂)C₃′(L₃)L₄′(C₄)C₅′(L₅)L₆′(C₆)C₇′(L₇)L₈′(C₈)C₉′(L₉)
31.5961.0971.596——————
51.7061.2302.5411.2301.706————
71.7371.2582.6381.3442.6381.2581.737——
91.7501.2692.6681.3672.7241.3672.6681.2691.750

Es gelten die folgenden Zusammenhänge:

\[L=\frac{Z_0 L'}{2\pi f_g}\]

und 

\[C=\frac{C'}{2\pi f_g Z_0}\]

Dabei bezeichnet \(Z_0\) die sogenannte Systemimpedanz, also z.B. \(50 \Omega\), und \(f_g\) die Grenzfrequenz \(\frac{1}{2\pi \sqrt{LC}}\). Mit Hilfe dieses Zusammengangs ergibt sich für Streifenleitungsfilter:

\[Z_L=Z_0 L'\]

und

\[Z_L=Z_0 / C'\]

Im Bild unten ist der Wellenwiderstand für FR4 und einige HF-Leiterplattensubstrate in Abhängigkeit der Breite \(w\) der Leiterbahnen, und der Dicke \(h\) des Substrats gezeigt.


Breite Streifenleitungen haben also einen kleinen Wellenwiderstand und schmale Streifen einen großen Widerstand. Die Grenzfrequenz des Filters wird durch die Länge der Streifen bestimmt.
Es gilt:

\[ \beta l_C = C' Z_L / Z_0\]

und

\[\beta l_L = L' Z_0 / Z_L\]

Um nun die Längen \(l_C\) und \(l_L\) berechnen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie groß die Wellenzahl \(\beta = 2\pi / \lambda \) bzw. die Wellenlänge \(\lambda\) im entsprechenden Abschnitt ist.
Der Zusammenhang zwischen Wellenlänge \(\lambda\) und Grenzfrequenz \(f_g\) ist ganz Allgemein durch

\[ \lambda = \frac{c}{f_g\sqrt{\epsilon_{r eff}}}\]

gegeben. Dabei bezeichnet \(\epsilon_{r eff}\) eine effektive dielektrische Konstante die nicht nur durch das verwendete Dielektrikum, sondern auch von der Geometrie der Leiterbahn bestimmt wird. Der Zusammenhang kommt in der sogenannte Hammerstad‑Jensen‑Formel zum Ausdruck:

\[ \varepsilon_{\text{eff}}= \frac{\varepsilon_r + 1}{2}+ \frac{\varepsilon_r - 1}{2}\left(\frac{1}{\sqrt{1 + 12\,\frac{h}{W}}}+ 0.04\left(1 - \frac{W}{h}\right)^2\right)\]

Das folgende Python script plottet \(epsilon_{eff}\) in Abhängigkeit der Substratpermitivität für verschiedene Verhältnisse von Leiterbahnbreite \(W\) zu Dicke \(h\) des Substrats.

import numpy as np
import matplotlib.pyplot as plt

# Bereich für epsilon_r
epsilon_r = np.linspace(1, 10, 500)

# Hammerstad-Jensen Funktion
def epsilon_eff(eps_r, w_h):
    h = 1.0
    W = w_h if w_h != 0 else 1e-9  # Verhindert Division durch 0
    term1 = (eps_r + 1) / 2
    term2 = (eps_r - 1) / 2
    part = (1 / np.sqrt(1 + 12 * (h / W))) + 0.04 * (1 - W/h)**2
    return term1 + term2 * part

# Plot vorbereiten
plt.figure(figsize=(10, 6))

# Kurvenschar erzeugen
w_h_values = np.arange(0, 5.5, 0.5)

for w_h in w_h_values:
    eps_eff_curve = epsilon_eff(epsilon_r, w_h)
    plt.plot(epsilon_r, eps_eff_curve, label=f"W/h = {w_h:.1f}")

# Plot dekorieren
plt.title("Hammerstad-Jensen: Effektive Permittivität ε_eff")
plt.xlabel("ε_r (Substrat-Permittivität)")
plt.ylabel("ε_eff (effektive Permittivität)")
plt.grid(True)
plt.legend()
plt.tight_layout()

plt.show()

Es ergibt sich folgender Graph.

Wir wollen wir nun konkret einen Tiefpassfilter 3ter Ordnung mit einer Grenzfrequenz von 1GHz und einer Restwelligkeit von 0,5 dB unter Verwendung eines 1,5 mm dicken FR-4 Substrats aufbauen. Die Systemimpedanz soll \(50\Omega\) betragen.
Die notwendigen Abmessungen habe ich in untenstehender Excel Tabelle errechnet,



und anschließend mit Hilfe einer einlagig kupferkaschierten Platine realisiert, auf die ich Kupferklebefolie aufgebracht, und anschließend zugeschnitten habe.

Das Bild oben zeigt eine Mikrostreifenleitung mit einem Wellenwiderstand von \(50\Omega\). Das Bild unten den errechneten Tiefpass.
Ich habe einen NanoVNA mit einem RG316-Kabel als 'Through' Standard kalibriert.


Die \(50 \Omega\) Strecke zeigt zwischen 500 MHz und 1.5 GHz kaum Verluste, und scheint laut Smith Diagramm recht gut angepasst zu sein.


Der Tiefpass zeigt im \(S_{11}\) Streuparameter wie gewünscht ab 1 GHz deutliche Rückreflexionen.


Auch der Transmissionsverlauf \(S_{21}\) zeigt bei 1GHz ein Minimum. Unter der Annahme verlustfreier Übertragung gilt \(|R|=1-|T|\), und es würde sich untenstehender Graph ergeben. 


Wir können die Grenzfrequenz bei - 3dB mit 980 MHz ablesen. Hält man sich die Einfachheit des Aufbaus vor Augen, ist dies wie ich finde eine bemerkenswert gute Übereinstimmung mit dem beabsichtigten Wert von 1GHz.

Viel Spaß beim selber Basteln...


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen